Samstag, 11. Oktober 2025

Der Eliza-Effekt die Anfänge von KI Chatbots aus den 1960ern

Im Jahr 1966 schuf der MIT-Informatiker Joseph Weizenbaum das Computerprogramm ELIZA. Als früher textbasierter Chatbot, der einen Rogerianischen Psychotherapeuten simulierte, sollte ELIZA lediglich ein Experiment in der Mensch-Computer-Interaktion sein. Weizenbaum war schockiert, als Nutzer dem simplen Programm intime Geheimnisse anvertrauten und ihm echtes Verständnis zuschrieben – selbst nachdem ihnen seine Funktionsweise erklärt wurde. Dieses Phänomen ist als Eliza-Effekt bekannt: die menschliche Neigung, einer Maschine aufgrund ihrer sprachlichen Floskeln menschliche Eigenschaften, Emotionen und Verstehen zuzuschreiben. Fünfzig Jahre später, im Zeitalter von Großen Sprachmodellen (LLMs) wie ChatGPT, ist dieser Effekt nicht nur präsent, sondern durch die enorme Komplexität der modernen KI dramatisch verstärkt worden, was zu weitreichenden gesellschaftlichen und ethischen Herausforderungen führt.

Die ursprüngliche Illusion (1960er Jahre)

ELIZA operierte mit einem überraschend einfachen Mechanismus: dem sogenannten Pattern Matching (Musterabgleich). Das Programm besaß kein semantisches Verständnis und führte keine echte Analyse des Inhalts durch. Stattdessen identifizierte es Schlüsselwörter im Benutzereingabestext und nutzte einfache Umformulierungstechniken, um die Antwort in Form einer Gegenfrage zurückzugeben. Zum Beispiel:

  • Mensch: „Ich bin die meiste Zeit deprimiert.“

  • ELIZA: „Es tut mir leid zu hören, dass Sie deprimiert sind.“ oder „Erzählen Sie mir mehr darüber, dass Sie deprimiert sind.“

Die Stärke dieses "DOCTOR"-Skripts lag darin, dass es die menschliche Kommunikation widerspiegelte und somit die Illusion der Empathie erzeugte, die in der klientenzentrierten Therapie verwendet wird. Der Erfolg von ELIZA lag nicht in der Intelligenz der Maschine, sondern in der Bereitwilligkeit des menschlichen Geistes, Muster zu erkennen und Bedeutung zu projizieren. Weizenbaum selbst sah in dieser unreflektierten Zuschreibung von Intelligenz die größte ethische Gefahr seiner Schöpfung und wurde später zu einem prominenten Kritiker des überzogenen Technologieglaubens.

Die moderne Amplifikation durch LLMs

Die heutigen Großen Sprachmodelle wie GPT-4 arbeiten auf einer unendlich komplexeren Ebene. Während ELIZA durch ein paar hundert Zeilen Code und fest programmierte Regeln begrenzt war, basieren LLMs auf Milliarden von Parametern und sind auf riesigen Datensätzen des gesamten Internets trainiert. Sie sind im Kern hochentwickelte, statistische Prädiktoren, die bei jedem neuen Wort die wahrscheinlichste Abfolge des nächsten Wortes berechnen.

Diese Fähigkeit zur fließenden und kohärenten Sprachgenerierung verstärkt den Eliza-Effekt in beispielloser Weise:

  1. Die Illusion der Kompetenz: Die syntaktische und stilistische Perfektion des Outputs ist so überzeugend, dass die Nutzer ein tiefes Verständnis und eine kohärente Absicht hinter der KI vermuten. Im Gegensatz zu ELIZA, das bei komplexen Themen schnell an seine Grenzen stieß, können LLMs scheinbar jedes Fachgebiet abdecken.

  2. Emotionales Engagement: Die Fähigkeit moderner KI, spezifische Rollen (vom freundlichen Tutor bis zum virtuellen Lebenspartner) zu simulieren, fördert ein tiefes emotionales Engagement. Menschen berichten davon, sich von KI-Chatbots besser verstanden zu fühlen als von menschlichen Gesprächspartnern. Diese emotionalen Bindungen schaffen eine gefährliche Übertragung von Vertrauen auf die Maschine.

  3. Die Gefahr der Halluzination: Der verstärkte Eliza-Effekt führt dazu, dass Nutzer die von der KI generierten Inhalte – selbst die sogenannten Halluzinationen (falsche, aber überzeugend präsentierte Informationen) – als glaubwürdige Fakten akzeptieren. Weil die Sprache so menschlich und eloquent ist, wird die kritische Distanz aufgegeben.

Ethische und gesellschaftliche Relevanz

Die Korrelation zwischen ELIZA und modernen LLMs verdeutlicht, dass es sich beim Eliza-Effekt um ein fundamentales Problem der menschlichen Psychologie handelt, das durch die Technologie lediglich exponiert und intensiviert wird.

In der heutigen Zeit birgt dies konkrete Risiken:

  • Soziales Ingenieurwesen und Manipulation: Wie der Suchergebnis-Snippet zeigt, können KI-gestützte Deepfakes und Social Engineering-Taktiken den durch den Eliza-Effekt geschaffenen Vertrauensvorschuss ausnutzen, um Betrug und Cyberkriminalität zu begehen. Die Glaubwürdigkeit der KI wird zur Waffe.

  • Vermenschlichung am Arbeitsplatz: Die Tendenz, KI-Systemen im beruflichen Umfeld Empathie zuzuschreiben, kann zur unnötigen Weitergabe sensibler Daten führen oder die kritische Bewertung ihrer Arbeitsleistung verhindern.

  • Gefühlte vs. echte Hilfe: Insbesondere im Bereich der psychologischen Gesundheit wird der Eliza-Effekt problematisch, da Nutzer in Chatbots einen Ersatz für menschliche Therapeuten sehen. Obwohl KI Entlastung bieten kann, kann sie aufgrund des fehlenden Bewusstseins und der fehlenden Empathie keine professionelle, ethisch verantwortliche Therapie ersetzen.


Eliza-Effekt als MAHNUNG - für die Gegenwart und  Zukunft

Der Eliza-Effekt dient als zeitlose Mahnung: Die beeindruckende Fließfähigkeit von Sprache, egal ob in einem Chatbot von 1966 oder einem komplexen neuronalen Netzwerk von heute, ist kein Beweis für Intelligenz oder Verstehen. KI's sind nicht Intellgenz im menschlichen Sinne, denn der Begriff "Intelligenz" wurde für Menschen geprägt, nicht für Maschinen. 

Je besser die KI die menschliche Kommunikation imitiert, desto stärker wird unsere unbewusste Neigung zur Anthropomorphisierung. Die Herausforderung der Gegenwart besteht nicht darin, die technologische Leistung der KI zu leugnen, sondern die psychologische Lektion von Weizenbaum zu verinnerlichen: Wir müssen lernen, die KI korrekt einzuordnen und zwischen simulativer Eloquenz und echtem, bewusstem Verständnis zu unterscheiden, um die ethischen und gesellschaftlichen Risiken dieser digitalen Revolution zu meistern.

2025-10-11

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